Der Skarabäus

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  Betreff des Kommentars: Re: Der Skarabäus
KommentarVerfasst: Mo Dez 15, 2008 12:38 am 
Der Skarabäus


Anku legte den Kopf schief, kniff die Augen zusammen und hielt den Atem an. Die trächtige Ziege schnupperte an dem dürren Büschel Gras, wandte sich dann aber ab und meckerte leise. Sie würde also auch heute nicht fressen. Anku seufzte. Wenn das Tier nicht bald wieder Nahrung zu sich nahm, würde sie, mitsamt ihrem Jungen im Bauch, verenden. Und wie sie dann durch den Winter kommen wollten, wusste Allah allein.

(Prima Anfang! Alles bleibt vage, aber ohne gequält zu wirken! Hier macht die Autorin alles richtig!)

Noch vor drei Wochen, als die Franken ihre Zelte abgebrochen und mit dem Strom wieder fortgesegelt waren, hatte sein, und das Leben seiner Familie, so leicht ausgesehen. Mit dem Bakschisch, das Anku fürs Graben erhalten hatte, hatte er die Ziege und neues Werkzeug kaufen können. Seine Felder, die während der Ausgrabungen brach gelegen hatten, mussten endlich bearbeitet werden, damit sie noch Ertrag ablieferten. Doch Allah war nicht gnädig mit ihm gewesen. Schon am ersten Tag stahlen vorbeiziehende Beduinen die neue Harke mitsamt der kostbaren Schaufel. Die Ziege befand sich zu dem Zeitpunkt, Allah sei’s gedankt, noch bei seiner Familie in der Höhle.

(Naja, Höhle dürfte für Leute die Ägypten kennen, etwas ungewöhnlich sein. Aber trotzdem kommt Ägypten-Feeling auf!)

Aber jetzt war das Tier krank, oder vielleicht schon gewesen, als er es gekauft hatte. Anku wusste sich keinen Rat mehr. Vielleicht war es das Beste, die Ziege gleich zu schlachten und nicht das Unvermeidliche abzuwarten. Ihr Fleisch würde sie wenigstens die nächsten Wochen ernähren können - danach lag ihr Leben in Allahs Hand.

(Salz, verehrter Anku, ist beinahe unbezahlbar, drum hege und pflege, bevor du schlachtest!)

Er blickte zu seinem Sohn hinüber, der im Schatten der Tempelanlage spielte und ein Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Djau war ein guter Junge, der ihm und seiner Frau viel Freude bereitete. Mit seinen fünf Jahren war der Kleine bereits eine große Hilfe bei der Feldarbeit, auch wenn er leider etwas schmächtig war. Anku bedauerte sehr, dass Allah ihnen nur Djau geschenkt hatte. Viele Kinder bedeutete viele Hände, doch zum jetzigen Zeitpunkt hätten zusätzliche, hungrige Mäuler seine Lage nur noch verschlimmert.

(Das Einzige, was die Situation, auch heute noch, von der ärmlichen Bevölkerung Ägyptens bessern konnte, waren Kinder! Insoweit, war Anku ne arme Sau!)

Kaschef Khalil hatte den Arbeitern erzählt, dass die Franken ganz sicher zurückkehren würden, um noch mehr Tempel auszugraben, weil sie auf Gold aus waren. Und Anku hoffte daher, dass die Ungläubigen bald kämen, denn dann gab es wieder Arbeit und natürlich auch Bakschisch. Er musste einfach auf Allah vertrauen, denn er, in seiner Güte, würde ihn und seine Familie nicht im Stich lassen.

„Djau“, rief er und schirmte seine Augen gegen die gleißende Sonne ab. „Komm, wir wollen zurück!“ Doch der Platz im Schatten war leer. „Djau?“, rief er nochmals und runzelte die Stirn, „wo steckst du?“
Ein leichter Wind war aufgekommen, der den feinen Sand zu Kreiseln aufwirbelte und die frei gegrabenen Stufen bereits wieder mit einer Schicht überzog. Anku gab der Ziege einen Klaps auf den Hintern und überquerte den Tempelvorhof.

(Prima Bild, verehrte Autorin!)

Djau hatte aus den Bruchstücken eines behauenen Steins einen Stall gebaut. Links und rechts davon lagen ein paar Kiesel im Sand, die vermutlich ein(e) Ziegenherde darstellen sollten. Anku bückte sich und hob einen der Steine auf. Er schmiegte sich warm und glatt in seine Handfläche. Auf der einen Seite befanden sich Längsrillen, die in der Mitte zusammenliefen. Der obere Teil war glatt wie die Haut einer Jungfrau und mündete in einem kleinen Höcker. Anku hob verblüfft die Augenbrauen. Er drehte den Kiesel hin und her, fuhr dann mit dem Finger über dessen Unterseite, auf der er kleine Vertiefungen ertastete. Er spuckte auf den dunklen Stein und wischte ihn anschließend an seiner Hose ab. Winzige Zeichen kamen zum Vorschein, die Anku an die Wandmalereien des Tempels erinnerten, den sie vor kurzem freigeschaufelt hatten: eine Feder, wellenförmige Linien und etwas, was wie seine geraubte Harke aussah.
Anku erinnerte sich an die Geschichten, die ihm seine Großmutter früher erzählt hatte. „Anku“, hatte sie gesagt und ihn dabei schelmisch zugezwinkert, „setz dich zu einer alten Frau und lass mich dir die Geschichte von Amenophis erzählen, der mit Hilfe eines kleinen Käfers und dessen rötlichem Kügelchen das Herz der schönen Teje gewinnen konnte.“
Anku wusste auf einmal, was er da in den Händen hielt. Es handelte sich um das Abbild eines Chepers. Er warf sich zu Boden und sammelte hastig alle restlichen Kiesel ein. Es waren alles Skarabäen in verschiedenen Größen und Farben. Einige waren aus dunklem Stein, andere schimmerten grünlich und einer - Anku wagte es nicht zu hoffen - glänzte golden, als er ihn vom Staub und Sand befreite.
„Bei Allah!“, stammelte er mit brüchiger Stimme, lehnte sich fassungslos an die Tempelmauer und betrachtete das halbe Dutzend Schmuckstücke in seinen Händen. Wenn er die den Franken verkaufen könnte, und Anku wusste, wie gierig sie alles sammelten, was aus den Gräbern kam, würde er und seine Familie keine Not mehr kennen.

„Papa!“ Die entrüstete Stimme seines Sohnes brachte Anku in die Gegenwart zurück. „Jetzt hast du meinen schönen Stall zerstört!“ Djau stand mit grimmigem Gesicht vor ihm und seine Unterlippe zitterte verdächtig.
„Wo hast du diese Kiesel her, mein Junge?“, fragte Anku und hielt seinem Sohn die Skarabäen hin.
„Meine Ziegen? Die habe ich dort drüben gefunden.“ Djau wies mit der Hand auf einen winzigen Spalt in der Tempelmauer, durch den sich höchstens eine Katze hindurchzwängen konnte.
Anku schluckte. Eine Katze, oder eben ein fünfjähriger Knabe, der durch den ständigen Hunger zu dünn für sein Alter war. Anku schloss einen Moment die Augen, dann räusperte er sich und fragte mit unterdrückter Erregung: „Schatz, sag, gibt’s dort denn noch mehr dieser ... ehm ... Ziegen?“
Djaus Gesicht hellte sich auf. „Aber ja, Papa, eine ganze Herde davon!“

Klasse! Jeder der die Bedeutung der Skarabäen im alten Ägypten kennt, kann sich nur über diesen Text freuen!
Der Skarabär ist der König der Ägyptischen Tierwelt, die eigentlich den klassischen Götterhimmel der Ägypter darstellt!

Von meiner Seite gibt’s nix zu meckern!

Gruß Antoine

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  Betreff des Kommentars: Re: Der Skarabäus
KommentarVerfasst: Mo Dez 15, 2008 12:36 pm 
Hallo Mata,
ich finde, da ist Dir ein ziemlich guter Text gelungen, vor allem wegen der vielen lebendigen Details :!: Zum Beispiel, dass die gestohlenen Werkzeuge eine solche Bedeutung für ihn haben, hat mir sehr gefallen. So was finde ich immer noch interessanter und wirkungsvoller als ärmliche Kleidung, Behausung usw. Um Antoine zu zitieren: Da kommt wirklich "Ägypten-Feeling" auf!
Hier nur ein paar kleine Kritikpunkte:
- Die Umstellungsidee von pepsi finde ich auch überlegenswert.
- Warum denn Bakschisch? Das ist doch Schmiergeld, jedenfalls denke ich heute zuerst daran. Wolltest Du damit Illegalität andeuten? Warum nicht einfach Lohn?
-
Zitat:
als die Franken ihre Zelte abgebrochen und mit dem Strom wieder fortgesegelt waren
hinter dem abgebrochen fehlt ein "hatten"
-
Zitat:
hatte sein, und das Leben seiner Familie, so leicht ausgesehen
die Kommas irritieren, ich würde es sowieso umstellen in: hatte sein Leben und das seiner Familie so leicht ausgesehen.
-
Zitat:
Anku wusste auf einmal, was er da in den Händen hielt
hier hätte ich das "auf einmal" an den Anfang gestellt
-
Zitat:
und seine Unterlippe zitterte verdächtig
das "verdächtig" hätte ich auch weggelassen, das denkt sich der Leser schon selbst.
Aber wie gesagt: Kleinigkeiten. Der Schluss gefällt mir gut, und überhaupt, dass es bei dem Kleinen auch Ziegen sind, ist eine sehr nette Idee.
Liebe Grüße,
Constanze


Zuletzt geändert von constanze am Mo Dez 15, 2008 5:25 pm, insgesamt 1-mal geändert.

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  Betreff des Kommentars: Re: Der Skarabäus
KommentarVerfasst: Mo Dez 15, 2008 2:59 pm 
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Hallo liebe Kommentator/-innen

Vorab schon mal herzlichen Dank für eure Tipps und Kommentare. Ich habe praktisch alles übernommen, was ihr mir geraten habt und hoffe, die Geschichte hat dadurch gewonnen und nicht, dass ich sie verschlimmbessert habe. :|

@ Stephi
Merci beaucoup für die vielen Sterne. Ich halte natürlich gerne mein Hemdchen auf, um sie aufzufangen. ;) Und ja, Dynamik ist das Zauberwort! Ich arbeite daran.

@ Antoine
Freut mich, dass etwas Ägypten-Feeling aufkommt. Vor allem, da ich mich mit dem Land doch recht schwer tue ... ich hab’s mehr mit den kalten Gefilden. ;)
Ich dachte bzw. meinte ich gelesen zu haben, dass die Leute dort in Höhlen lebten ... oder täusche ich mich und es waren nur die Haustiere? Bin jetzt grad etwas unsicher.

@Constanze
Deine Tipps habe ich - ohne Gegenwehr :D - alle übernommen. Man ist doch zuweilen recht blind, was die eigene Schreibe anbelangt. Vielen Dank für die Hilfe und das Lob.

lG
Mata

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  Betreff des Kommentars: Re: Der Skarabäus
KommentarVerfasst: Mo Dez 15, 2008 5:40 pm 
oh, davon hätte ich auch gerne einen: den urgott in käferform mit mystischen hyroglyphen auf dem rücken, gerne aus edlem material, kunstvoll gefertigt... danke für die gelungene, absolut lesenswerte geschichte!
mandala


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  Betreff des Kommentars: Re: Der Skarabäus
KommentarVerfasst: Mo Dez 15, 2008 7:20 pm 
Mata,


in der Tat, die ganz alten Ägypter, die in den zwei Reichen, ( die aber noch nicht vereinigt waren!) lebten tatsächlich in Höhlen!

Nur als ständig neue Reiche gegründet wurden und die unterschiedlichen Dynastien nach immer neuen Hauptstädten suchten, mussten die eigentlich immobilen Ägypter umdenken und bauten dann aus Nilschilf Hütten, da sie die Höhlen nicht umsetzen konnten.

Gruß Antoine

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  Betreff des Kommentars: Re: Der Skarabäus
KommentarVerfasst: Mo Dez 15, 2008 8:58 pm 
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Ah, so, dann habe ich das vermutlich falsch verstanden. Aber lebte Sarah nicht eine Zeit lang in einer Höhle? :?: Na ja, ist ja Wurscht. Trotzdem danke für die Aufklärung.

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  Betreff des Kommentars: Re: Der Skarabäus
KommentarVerfasst: Mo Dez 15, 2008 9:03 pm 
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Hallo Mata,
wunderschöne Geschichte! Das bisschen Textarbeit hat ja Constanze schon erledigt ;) und die Dynamik (die mir aber gar nicht gefehlt hat) ist auch bearbeitet…
Ich fand die Mistkäer-Ziegenherde einfach schön.
Gruß
Kratzfeder
P.S. Ich hatte keine Probleme mit der kranken Ziege!?


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  Betreff des Kommentars: Re: Der Skarabäus
KommentarVerfasst: Mo Dez 15, 2008 10:41 pm 
Hallo Mata,
mir gefällt Dein Text auch sehr gut!
Besonders schön finde ich die Idee, dass der Kleine die wertvollen Steine entdeckt und sie für ihn Ziegen sind. Da sieht man mal wieder, was Kinder für eine Bereicherung sind ;)
Liebe Grüße
Sunny
Ach so, das wollt ich noch sagen, unter anderem der Satz "Ein leichter Wind war aufgekommen..." schafft für mich ganz besonders Atmosphäre - schön!


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  Betreff des Kommentars: Re: Der Skarabäus
KommentarVerfasst: Di Dez 16, 2008 11:42 am 
Liebe mata,

eine sehr gute Idee, die Aufgabe an der Geschichte einer einzelnen Familie aufzuhängen. Die vielen Details machen sie außerdem für den Leser sehr authentisch.
Dass sie sehr gut geschrieben ist, muss ich nicht extra betonen. Auch der ruhige Stil passt. Mir gefällt auch, dass der Junge, obwohl eigentlich zu schwach geraten, zum Glücksbringer wird. Sicher keinesfalls kitschig.
Ein sehr gelungener Text.

HG sound68


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  Betreff des Kommentars: Re: Der Skarabäus
KommentarVerfasst: Di Dez 16, 2008 9:51 pm 
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Hi mandala, Kratzfeder, Sunny und sound

Ich danke euch ganz herzlich für das freundliche Feedback. Das plättet mich jetzt ein wenig, weil ich insgeheim befürchtet, jemand käme mit der Kitsch-Sentimental-und-Bemüht-Keule. Schön, dass man sich zuweilen täuscht. ;)

lG
Mata

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