immer wieder eine freude, deine texte zu lesen, mata. dieser hier hätte potenzial im kitsch zu enden, tut er aber nicht. der schluss ist köstlich, rührend - toll!
einzig die dynamik fehlt ein bisschen, finde ich. der sog, der mich von beginn an auch ohne ansehen des autors/der autorin in die geschichte hinein zieht.
ich denke laut

und stelle etwas um. was meinst du, mata
Der Skarabäus
Anku musste einfach auf Allah vertrauen, denn er, in seiner Güte, würde ihn und seine Familie nicht im Stich lassen! Er blickte zu seinem Sohn hinüber, der im Schatten der Tempelanlage spielte und ein Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Djau war ein guter Junge, der ihm und seiner Frau viel Freude bereitete. Mit seinen fünf Jahren war der Kleine bereits eine große Hilfe bei der Feldarbeit, auch wenn er leider etwas schmächtig war. Anku bedauerte sehr, dass Allah ihnen nur Djau geschenkt hatte. Viele Kinder bedeutete viele Hände, doch zum jetzigen Zeitpunkt hätten zusätzliche, hungrige Mäuler seine Lage nur noch verschlimmert.
Anku legte den Kopf schief, kniff die Augen zusammen und hielt den Atem an. Die trächtige Ziege schnupperte an dem dürren Büschel Gras, wandte sich dann aber ab und meckerte leise. Sie würde also auch heute nicht fressen. Anku seufzte. Wenn das Tier nicht bald wieder Nahrung zu sich nahm, würde sie, mitsamt ihrem Jungen im Bauch, verenden. Und wie sie dann durch den Winter kommen wollten, wusste Allah allein.
Noch vor drei Wochen, als die Franken ihre Zelte abgebrochen und mit dem Strom wieder fortgesegelt waren, hatte ihr Leben so leicht ausgesehen. Mit dem Bakschisch, das Anku fürs Graben erhalten hatte, hatte er die Ziege und neues Werkzeug kaufen können. Seine Felder, die während der Ausgrabungen brach gelegen hatten, mussten endlich bearbeitet werden, damit sie noch Ertrag ablieferten. Doch Allah war nicht gnädig mit ihm gewesen. Schon am ersten Tag stahlen vorbeiziehende Beduinen die neue Harke mitsamt der kostbaren Schaufel. Die Ziege befand sich zu dem Zeitpunkt, Allah sei’s gedankt, noch bei seiner Familie in der Höhle. Aber jetzt war das Tier krank, oder vielleicht schon gewesen, als er es gekauft hatte. Anku wusste sich keinen Rat mehr. Vielleicht war es das Beste, die Ziege gleich zu schlachten und nicht das Unvermeidliche abzuwarten. Ihr Fleisch würde sie wenigstens die nächsten Wochen ernähren können - danach lag ihr Leben in Allahs Hand.
„Djau“, rief er und schirmte seine Augen gegen die gleißende Sonne ab. „Komm, wir wollen zurück!“ Doch der Platz im Schatten war leer. „Djau?“, rief er nochmals und runzelte die Stirn, „wo steckst du?“
Ein leichter Wind war aufgekommen, der den feinen Sand zu Kreiseln aufwirbelte und die frei gegrabenen Stufen bereits wieder mit einer Schicht überzog. Anku gab der Ziege einen Klaps auf den Hintern und überquerte den Tempelvorhof.
Djau hatte aus den Bruchstücken eines behauenen Steins einen Stall gebaut. Links und rechts davon lagen ein paar Kiesel im Sand, die vermutlich ein Ziegenherde darstellen sollten. Anku bückte sich und hob einen der Steine auf. Er schmiegte sich warm und glatt in seine Handfläche. Auf der einen Seite befanden sich Längsrillen, die in der Mitte zusammenliefen. Der obere Teil war glatt wie die Haut einer Jungfrau und mündete in einem kleinen Höcker. Anku hob verblüfft die Augenbrauen. Er drehte den Kiesel hin und her, fuhr dann mit dem Finger über dessen Unterseite, auf der er kleine Vertiefungen ertastete. Er spuckte auf den dunklen Stein und wischte ihn anschließend an seiner Hose ab. Winzige Zeichen kamen zum Vorschein, die Anku an die Wandmalereien des Tempels erinnerten, den sie vor kurzem freigeschaufelt hatten: eine Feder, wellenförmige Linien und etwas, was wie seine geraubte Harke aussah.
Anku erinnerte sich an die Geschichten, die ihm seine Großmutter früher erzählt hatte. „Anku“, hatte sie gesagt und ihn dabei schelmisch zugezwinkert, „setz dich zu einer alten Frau und lass mich dir die Geschichte von Amenophis erzählen, der mit Hilfe eines kleinen Käfers und dessen rötlichem Kügelchen das Herz der schönen Teje gewinnen konnte.“
Anku wusste auf einmal, was er da in den Händen hielt. Es handelte sich um das Abbild eines Chepers. Er warf sich zu Boden und sammelte hastig alle restlichen Kiesel ein. Es waren alles Skarabäen in verschiedenen Größen und Farben. Einige waren aus dunklem Stein, andere schimmerten grünlich und einer - Anku wagte es nicht zu hoffen - glänzte golden, als er ihn vom Staub und Sand befreite.
„Bei Allah!“, stammelte er mit brüchiger Stimme, lehnte sich fassungslos an die Tempelmauer und betrachtete das halbe Dutzend Schmuckstücke in seinen Händen. Wenn er die den Franken verkaufen könnte, und Anku wusste, wie gierig sie alles sammelten, was aus den Gräbern kam, würde er und seine Familie keine Not mehr kennen.
„Papa!“ Die entrüstete Stimme seines Sohnes brachte Anku in die Gegenwart zurück. „Jetzt hast du meinen schönen Stall zerstört!“ Djau stand mit grimmigem Gesicht vor ihm und seine Unterlippe zitterte verdächtig.
„Wo hast du diese Kiesel her, mein Junge?“, fragte Anku und hielt seinem Sohn die Skarabäen hin.
„Meine Ziegen? Die habe ich dort drüben gefunden.“ Djau wies mit der Hand auf einen winzigen Spalt in der Tempelmauer, durch den sich höchstens eine Katze hindurchzwängen konnte.
Anku schluckte. Eine Katze, oder eben ein fünfjähriger Knabe, der durch den ständigen Hunger zu dünn für sein Alter war. Anku schloss einen Moment die Augen, dann räusperte er sich und fragte mit unterdrückter Erregung: „Schatz, sag, gibt’s dort denn noch mehr dieser ... ehm ... Ziegen?“
Djaus Gesicht hellte sich auf. „Aber ja, Papa, eine ganze Herde davon!“