Der Skarabäus

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Neuer KommentarVerfasst: Sa Dez 13, 2008 5:32 pm 
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Der Skarabäus (überarbeitete Version)


„Alles, was Allah will, geschieht und was er nicht will, geschieht nicht“, murmelte Anku gedankenverloren. Er musste lediglich genug Vertrauen aufbringen, denn der Allmächtige, in seiner Güte, würde ihn und seine Familie nicht im Stich lassen.
Er blickte zu seinem Sohn hinüber, der im Schatten der Tempelanlage spielte und ein Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Djau war ein guter Junge, der ihm und seiner Frau viel Freude bereitete. Mit seinen fünf Jahren war der Kleine bereits eine große Hilfe bei der Feldarbeit, auch wenn er leider etwas zu schmächtig geraten war. Anku bedauerte sehr, dass Allah ihnen nur Djau geschenkt hatte. Viele Kinder bedeutete viele Hände, doch zum jetzigen Zeitpunkt hätten zusätzliche, hungrige Mäuler seine Lage nur noch verschlimmert.
Er wandte sich wieder der Ziege zu und kniff die Augen zusammen. Das trächtige Tier schnupperte an einem dürren Büschel Gras, und Anku hielt unwillkürlich den Atem an. Doch das dumme Vieh schüttelte nur den Kopf und meckerte leise. Anku seufzte. Sie würde also auch heute nichts fressen. Wenn die Ziege nicht bald wieder Nahrung zu sich nahm, würde sie, mitsamt ihrem Jungen im Bauch, verenden. Und wie sie dann durch den Winter kommen wollten, wusste Allah allein.

Noch vor drei Wochen, als die Franken ihre Zelte abgebrochen hatten und mit dem Strom wieder fortgesegelt waren, hatte sein Leben und das seiner Familie so leicht ausgesehen. Mit dem Lohn, den Anku fürs Graben erhalten hatte, hatte er die Ziege und neues Werkzeug kaufen können. Seine Felder, die während der Ausgrabungen brach gelegen hatten, mussten endlich bearbeitet werden, damit sie noch Ertrag ablieferten. Doch Allah war nicht gnädig mit ihm gewesen. Schon am ersten Tag stahlen vorbeiziehende Beduinen die neue Harke mitsamt der kostbaren Schaufel. Die Ziege befand sich zu dem Zeitpunkt, Allah sei’s gedankt!, noch bei seiner Familie in der Höhle. Aber jetzt war das Tier krank. Oder vielleicht schon gewesen, als er es gekauft hatte? Anku wusste sich keinen Rat mehr. Vielleicht war es das Beste, die Ziege gleich zu schlachten und nicht das Unvermeidliche abzuwarten. Ihr Fleisch würde sie wenigstens die nächsten Wochen ernähren können - danach lag ihr Leben in Allahs Hand.
Kaschef Khalil hatte den Arbeitern jedoch erzählt, dass die Franken ganz sicher zurückkehren würden, um noch mehr Tempel auszugraben, weil sie auf Gold aus waren. Und Anku hoffte daher, dass die Ungläubigen bald kämen, denn dann gab es erneut Arbeit und natürlich auch wieder Münzen.

„Djau“, rief er und schirmte seine Augen gegen die gleißende Sonne ab. „Komm, wir wollen zurück!“ Doch der Platz im Schatten war leer. „Djau?“, rief er nochmals und runzelte die Stirn, „wo steckst du?“
Ein leichter Wind war aufgekommen, der den feinen Sand zu Kreiseln aufwirbelte und die frei gegrabenen Stufen bereits wieder mit einer Schicht überzog. Anku gab der Ziege einen Klaps auf den Hintern und überquerte den Tempelvorhof.
Djau hatte aus den Bruchstücken eines behauenen Steins einen Stall gebaut. Links und rechts davon lagen ein paar Kiesel im Sand, die vermutlich ein Ziegenherde darstellen sollten. Anku lächelte, bückte sich und hob einen der Steine auf. Er schmiegte sich warm und glatt in seine Handfläche. Auf der einen Seite befanden sich Längsrillen, die in der Mitte zusammenliefen. Der obere Teil war glatt wie die Haut einer Jungfrau und mündete in einem kleinen Höcker. Anku hob verblüfft die Augenbrauen. Er drehte den Kiesel hin und her, fuhr dann mit dem Finger über dessen Unterseite, auf der er kleine Vertiefungen ertastete. Er spuckte auf den dunklen Stein und wischte ihn anschließend an seiner Hose ab. Winzige Zeichen kamen zum Vorschein, die Anku an die Wandmalereien des Tempels erinnerten, den sie vor kurzem freigeschaufelt hatten: eine Feder, wellenförmige Linien und etwas, was wie seine geraubte Harke aussah.
Anku erinnerte sich an die Geschichten, die ihm seine Großmutter früher erzählt hatte. „Anku“, hatte sie gesagt und ihm dabei schelmisch zugezwinkert, „setz dich zu einer alten Frau und lass dir die Geschichte von Amenophis erzählen, der mit Hilfe eines kleinen Käfers und dessen rötlichem Kügelchen das Herz der schönen Teje gewinnen konnte.“
Auf einmal wusste Anku, was er da in den Händen hielt. Es handelte sich um das Abbild eines Chepers. Er warf sich zu Boden und sammelte hastig alle restlichen Kiesel ein. Es waren alles Skarabäen in verschiedenen Größen und Farben. Einige waren aus dunklem Stein, andere schimmerten grünlich und einer - Anku wagte es nicht zu hoffen - glänzte golden, als er ihn von Staub und Sand befreite.
„Bei Allah!“, stammelte er, lehnte sich fassungslos an die Tempelmauer und betrachtete das halbe Dutzend Schmuckstücke in seinen Händen. Wenn er die den Franken verkaufen könnte, und Anku wusste, wie gierig sie alles sammelten, was aus den Gräbern kam, würde er und seine Familie keine Not mehr kennen.

„Papa!“ Die Stimme seines Sohnes brachte Anku in die Gegenwart zurück. „Jetzt hast du meinen schönen Stall zerstört!“ Djau stand mit grimmigem Gesicht vor ihm und seine Unterlippe zitterte.
„Wo hast du diese Kiesel her?“, fragte Anku und hielt seinem Sohn die Skarabäen hin.
„Meine Ziegen? Die habe ich dort drüben gefunden.“
Djau wies mit der Hand auf einen winzigen Spalt in der Tempelmauer, durch den sich höchstens eine Katze hindurchzwängen konnte. Anku schluckte. Nur eine Katze, oder vielleicht ein fünfjähriger Knabe, der durch den ständigen Hunger zu dünn für sein Alter war?
Anku schloss einen Moment die Augen, dann räusperte er sich und fragte mit unterdrückter Erregung: „Schatz, sag, gibt’s dort denn noch mehr dieser ... ehm ... Ziegen?“
Djaus Gesicht hellte sich auf. „Aber ja, Papa, eine ganze Herde davon!“

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Der Hund, dem man einen Maulkorb umhängt, bellt mit dem Hintern. (Heinrich Heine)


Zuletzt geändert von Mata am Mo Dez 15, 2008 6:20 pm, insgesamt 7-mal geändert.

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Neuer KommentarVerfasst: Sa Dez 13, 2008 5:33 pm 
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Und hier sichere ich mir gleich mal wieder etwas Platz für Verbesserungen. ;)

Der Skarabäus (Urtext)


Anku legte den Kopf schief, kniff die Augen zusammen und hielt den Atem an. Die trächtige Ziege schnupperte an dem dürren Büschel Gras, wandte sich dann aber ab und meckerte leise. Sie würde also auch heute nicht fressen. Anku seufzte. Wenn das Tier nicht bald wieder Nahrung zu sich nahm, würde sie, mitsamt ihrem Jungen im Bauch, verenden. Und wie sie dann durch den Winter kommen wollten, wusste Allah allein.
Noch vor drei Wochen, als die Franken ihre Zelte abgebrochen und mit dem Strom wieder fortgesegelt waren, hatte sein, und das Leben seiner Familie, so leicht ausgesehen. Mit dem Bakschisch, das Anku fürs Graben erhalten hatte, hatte er die Ziege und neues Werkzeug kaufen können. Seine Felder, die während der Ausgrabungen brach gelegen hatten, mussten endlich bearbeitet werden, damit sie noch Ertrag ablieferten. Doch Allah war nicht gnädig mit ihm gewesen. Schon am ersten Tag stahlen vorbeiziehende Beduinen die neue Harke mitsamt der kostbaren Schaufel. Die Ziege befand sich zu dem Zeitpunkt, Allah sei’s gedankt, noch bei seiner Familie in der Höhle. Aber jetzt war das Tier krank, oder vielleicht schon gewesen, als er es gekauft hatte. Anku wusste sich keinen Rat mehr. Vielleicht war es das Beste, die Ziege gleich zu schlachten und nicht das Unvermeidliche abzuwarten. Ihr Fleisch würde sie wenigstens die nächsten Wochen ernähren können - danach lag ihr Leben in Allahs Hand.
Er blickte zu seinem Sohn hinüber, der im Schatten der Tempelanlage spielte und ein Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Djau war ein guter Junge, der ihm und seiner Frau viel Freude bereitete. Mit seinen fünf Jahren war der Kleine bereits eine große Hilfe bei der Feldarbeit, auch wenn er leider etwas schmächtig war. Anku bedauerte sehr, dass Allah ihnen nur Djau geschenkt hatte. Viele Kinder bedeutete viele Hände, doch zum jetzigen Zeitpunkt hätten zusätzliche, hungrige Mäuler seine Lage nur noch verschlimmert.
Kaschef Khalil hatte den Arbeitern erzählt, dass die Franken ganz sicher zurückkehren würden, um noch mehr Tempel auszugraben, weil sie auf Gold aus waren. Und Anku hoffte daher, dass die Ungläubigen bald kämen, denn dann gab es wieder Arbeit und natürlich auch Bakschisch. Er musste einfach auf Allah vertrauen, denn er, in seiner Güte, würde ihn und seine Familie nicht im Stich lassen.

„Djau“, rief er und schirmte seine Augen gegen die gleißende Sonne ab. „Komm, wir wollen zurück!“ Doch der Platz im Schatten war leer. „Djau?“, rief er nochmals und runzelte die Stirn, „wo steckst du?“
Ein leichter Wind war aufgekommen, der den feinen Sand zu Kreiseln aufwirbelte und die frei gegrabenen Stufen bereits wieder mit einer Schicht überzog. Anku gab der Ziege einen Klaps auf den Hintern und überquerte den Tempelvorhof.
Djau hatte aus den Bruchstücken eines behauenen Steins einen Stall gebaut. Links und rechts davon lagen ein paar Kiesel im Sand, die vermutlich ein Ziegenherde darstellen sollten. Anku bückte sich und hob einen der Steine auf. Er schmiegte sich warm und glatt in seine Handfläche. Auf der einen Seite befanden sich Längsrillen, die in der Mitte zusammenliefen. Der obere Teil war glatt wie die Haut einer Jungfrau und mündete in einem kleinen Höcker. Anku hob verblüfft die Augenbrauen. Er drehte den Kiesel hin und her, fuhr dann mit dem Finger über dessen Unterseite, auf der er kleine Vertiefungen ertastete. Er spuckte auf den dunklen Stein und wischte ihn anschließend an seiner Hose ab. Winzige Zeichen kamen zum Vorschein, die Anku an die Wandmalereien des Tempels erinnerten, den sie vor kurzem freigeschaufelt hatten: eine Feder, wellenförmige Linien und etwas, was wie seine geraubte Harke aussah.
Anku erinnerte sich an die Geschichten, die ihm seine Großmutter früher erzählt hatte. „Anku“, hatte sie gesagt und ihn dabei schelmisch zugezwinkert, „setz dich zu einer alten Frau und lass mich dir die Geschichte von Amenophis erzählen, der mit Hilfe eines kleinen Käfers und dessen rötlichem Kügelchen das Herz der schönen Teje gewinnen konnte.“
Anku wusste auf einmal, was er da in den Händen hielt. Es handelte sich um das Abbild eines Chepers. Er warf sich zu Boden und sammelte hastig alle restlichen Kiesel ein. Es waren alles Skarabäen in verschiedenen Größen und Farben. Einige waren aus dunklem Stein, andere schimmerten grünlich und einer - Anku wagte es nicht zu hoffen - glänzte golden, als er ihn vom Staub und Sand befreite.
„Bei Allah!“, stammelte er mit brüchiger Stimme, lehnte sich fassungslos an die Tempelmauer und betrachtete das halbe Dutzend Schmuckstücke in seinen Händen. Wenn er die den Franken verkaufen könnte, und Anku wusste, wie gierig sie alles sammelten, was aus den Gräbern kam, würde er und seine Familie keine Not mehr kennen.

„Papa!“ Die entrüstete Stimme seines Sohnes brachte Anku in die Gegenwart zurück. „Jetzt hast du meinen schönen Stall zerstört!“ Djau stand mit grimmigem Gesicht vor ihm und seine Unterlippe zitterte verdächtig.
„Wo hast du diese Kiesel her, mein Junge?“, fragte Anku und hielt seinem Sohn die Skarabäen hin.
„Meine Ziegen? Die habe ich dort drüben gefunden.“ Djau wies mit der Hand auf einen winzigen Spalt in der Tempelmauer, durch den sich höchstens eine Katze hindurchzwängen konnte.
Anku schluckte. Eine Katze, oder eben ein fünfjähriger Knabe, der durch den ständigen Hunger zu dünn für sein Alter war. Anku schloss einen Moment die Augen, dann räusperte er sich und fragte mit unterdrückter Erregung: „Schatz, sag, gibt’s dort denn noch mehr dieser ... ehm ... Ziegen?“
Djaus Gesicht hellte sich auf. „Aber ja, Papa, eine ganze Herde davon!“

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Zuletzt geändert von Mata am Mo Dez 15, 2008 2:51 pm, insgesamt 1-mal geändert.

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  Betreff des Kommentars: Re: Der Skarabäus
Neuer KommentarVerfasst: Sa Dez 13, 2008 5:50 pm 

http://www.birgit12.beepworld.de
Liebe Mata,
ich werde deinen freigehaltenen Platz sicherlich nicht in Anspruch nehmen, denn mir fällt wenig ein, das man an diesem Text noch verbessern könnte. Ich finde ihn durchweg gelungen.
Daß ich weder die Geschichte von Amenophis und Teje noch den Ausdruck Cheper kenne, ist nicht deine Schuld.
Wenn du dich jetzt noch entscheiden kannst, wie der Sohn heißt (im oberen Teil Djau, danach Daud), würde ich dir gern alle mir zur Verfügung stehenden Sternchen zuschmeißen. 8-)

Viele Grüße Birgit


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  Betreff des Kommentars: Re: Der Skarabäus
Neuer KommentarVerfasst: Sa Dez 13, 2008 6:00 pm 
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Herrjeh, wie komme ich denn plötzlich auf Daud? Ist ja peinlich! :D Herzlichen Dank fürs aufmerksame Lesen, Birgit und natürlich auch fürs Lob. Aber verbessern kann man immer ... und wenn's nur der falsche Name ist. ;)

lG
Mata

P.S. Und keine Sorge, ich kannte die Namen auch nicht bzw. ergaben sie sich erst aus den Mistkäfer-Recherchen. :lol:

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  Betreff des Kommentars: Re: Der Skarabäus
Neuer KommentarVerfasst: Sa Dez 13, 2008 9:44 pm 
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immer wieder eine freude, deine texte zu lesen, mata. dieser hier hätte potenzial im kitsch zu enden, tut er aber nicht. der schluss ist köstlich, rührend - toll!

einzig die dynamik fehlt ein bisschen, finde ich. der sog, der mich von beginn an auch ohne ansehen des autors/der autorin in die geschichte hinein zieht.

ich denke laut ;) und stelle etwas um. was meinst du, mata :?:


Der Skarabäus

Anku musste einfach auf Allah vertrauen, denn er, in seiner Güte, würde ihn und seine Familie nicht im Stich lassen! Er blickte zu seinem Sohn hinüber, der im Schatten der Tempelanlage spielte und ein Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Djau war ein guter Junge, der ihm und seiner Frau viel Freude bereitete. Mit seinen fünf Jahren war der Kleine bereits eine große Hilfe bei der Feldarbeit, auch wenn er leider etwas schmächtig war. Anku bedauerte sehr, dass Allah ihnen nur Djau geschenkt hatte. Viele Kinder bedeutete viele Hände, doch zum jetzigen Zeitpunkt hätten zusätzliche, hungrige Mäuler seine Lage nur noch verschlimmert.

Anku legte den Kopf schief, kniff die Augen zusammen und hielt den Atem an. Die trächtige Ziege schnupperte an dem dürren Büschel Gras, wandte sich dann aber ab und meckerte leise. Sie würde also auch heute nicht fressen. Anku seufzte. Wenn das Tier nicht bald wieder Nahrung zu sich nahm, würde sie, mitsamt ihrem Jungen im Bauch, verenden. Und wie sie dann durch den Winter kommen wollten, wusste Allah allein.

Noch vor drei Wochen, als die Franken ihre Zelte abgebrochen und mit dem Strom wieder fortgesegelt waren, hatte ihr Leben so leicht ausgesehen. Mit dem Bakschisch, das Anku fürs Graben erhalten hatte, hatte er die Ziege und neues Werkzeug kaufen können. Seine Felder, die während der Ausgrabungen brach gelegen hatten, mussten endlich bearbeitet werden, damit sie noch Ertrag ablieferten. Doch Allah war nicht gnädig mit ihm gewesen. Schon am ersten Tag stahlen vorbeiziehende Beduinen die neue Harke mitsamt der kostbaren Schaufel. Die Ziege befand sich zu dem Zeitpunkt, Allah sei’s gedankt, noch bei seiner Familie in der Höhle. Aber jetzt war das Tier krank, oder vielleicht schon gewesen, als er es gekauft hatte. Anku wusste sich keinen Rat mehr. Vielleicht war es das Beste, die Ziege gleich zu schlachten und nicht das Unvermeidliche abzuwarten. Ihr Fleisch würde sie wenigstens die nächsten Wochen ernähren können - danach lag ihr Leben in Allahs Hand.

„Djau“, rief er und schirmte seine Augen gegen die gleißende Sonne ab. „Komm, wir wollen zurück!“ Doch der Platz im Schatten war leer. „Djau?“, rief er nochmals und runzelte die Stirn, „wo steckst du?“
Ein leichter Wind war aufgekommen, der den feinen Sand zu Kreiseln aufwirbelte und die frei gegrabenen Stufen bereits wieder mit einer Schicht überzog. Anku gab der Ziege einen Klaps auf den Hintern und überquerte den Tempelvorhof.
Djau hatte aus den Bruchstücken eines behauenen Steins einen Stall gebaut. Links und rechts davon lagen ein paar Kiesel im Sand, die vermutlich ein Ziegenherde darstellen sollten. Anku bückte sich und hob einen der Steine auf. Er schmiegte sich warm und glatt in seine Handfläche. Auf der einen Seite befanden sich Längsrillen, die in der Mitte zusammenliefen. Der obere Teil war glatt wie die Haut einer Jungfrau und mündete in einem kleinen Höcker. Anku hob verblüfft die Augenbrauen. Er drehte den Kiesel hin und her, fuhr dann mit dem Finger über dessen Unterseite, auf der er kleine Vertiefungen ertastete. Er spuckte auf den dunklen Stein und wischte ihn anschließend an seiner Hose ab. Winzige Zeichen kamen zum Vorschein, die Anku an die Wandmalereien des Tempels erinnerten, den sie vor kurzem freigeschaufelt hatten: eine Feder, wellenförmige Linien und etwas, was wie seine geraubte Harke aussah.
Anku erinnerte sich an die Geschichten, die ihm seine Großmutter früher erzählt hatte. „Anku“, hatte sie gesagt und ihn dabei schelmisch zugezwinkert, „setz dich zu einer alten Frau und lass mich dir die Geschichte von Amenophis erzählen, der mit Hilfe eines kleinen Käfers und dessen rötlichem Kügelchen das Herz der schönen Teje gewinnen konnte.“
Anku wusste auf einmal, was er da in den Händen hielt. Es handelte sich um das Abbild eines Chepers. Er warf sich zu Boden und sammelte hastig alle restlichen Kiesel ein. Es waren alles Skarabäen in verschiedenen Größen und Farben. Einige waren aus dunklem Stein, andere schimmerten grünlich und einer - Anku wagte es nicht zu hoffen - glänzte golden, als er ihn vom Staub und Sand befreite.
„Bei Allah!“, stammelte er mit brüchiger Stimme, lehnte sich fassungslos an die Tempelmauer und betrachtete das halbe Dutzend Schmuckstücke in seinen Händen. Wenn er die den Franken verkaufen könnte, und Anku wusste, wie gierig sie alles sammelten, was aus den Gräbern kam, würde er und seine Familie keine Not mehr kennen.

„Papa!“ Die entrüstete Stimme seines Sohnes brachte Anku in die Gegenwart zurück. „Jetzt hast du meinen schönen Stall zerstört!“ Djau stand mit grimmigem Gesicht vor ihm und seine Unterlippe zitterte verdächtig.
„Wo hast du diese Kiesel her, mein Junge?“, fragte Anku und hielt seinem Sohn die Skarabäen hin.
„Meine Ziegen? Die habe ich dort drüben gefunden.“ Djau wies mit der Hand auf einen winzigen Spalt in der Tempelmauer, durch den sich höchstens eine Katze hindurchzwängen konnte.
Anku schluckte. Eine Katze, oder eben ein fünfjähriger Knabe, der durch den ständigen Hunger zu dünn für sein Alter war. Anku schloss einen Moment die Augen, dann räusperte er sich und fragte mit unterdrückter Erregung: „Schatz, sag, gibt’s dort denn noch mehr dieser ... ehm ... Ziegen?“
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"Über Plagiate sollte man sich nicht ärgern. Sie sind wahrscheinlich die aufrichtigsten aller Komplimente.”
Theodor Fontane


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  Betreff des Kommentars: Re: Der Skarabäus
Neuer KommentarVerfasst: Sa Dez 13, 2008 9:58 pm 
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am beispiel noch ein bisschen verschlimmbessert ;)


„Papa!“
Die Stimme seines Sohnes brachte Anku in die Gegenwart zurück.
„Jetzt hast du meinen schönen Stall zerstört!“
Djau stand vor ihm. Seine Unterlippe zitterte. Anku zeigte seinem Sohn die Skarabäen.
„Wo hast du diese Kiesel her, mein Junge?“
„Meine Ziegen? Die habe ich dort drüben gefunden.“
Djau wies mit der Hand auf einen winzigen Spalt in der Tempelmauer, durch den sich höchstens eine Katze hindurchzwängen konnte. Anku strich seinem Sohn über die Wange. Oder ein fünfjähriger Knabe, der durch den ständigen Hunger zu dünn für sein Alter war. Er schloss einen Moment die Augen, dann räusperte er sich:
„Djau, sag, gibt’s dort denn noch mehr dieser ... ehm ... Ziegen?“
Djaus Gesicht hellte sich auf.
„Aber ja, Papa, eine ganze Herde davon!“

bin dann mal wech :ugeek: ... ;)

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  Betreff des Kommentars: Re: Der Skarabäus
Neuer KommentarVerfasst: So Dez 14, 2008 12:56 pm 
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Hi pepsi

Freut mich, wenn du meine Beiträge gerne liest ... da hüpft des Dichters Herzelein. ;)

Dynamik, ja, das sagte man mir auch schon. Mir fehlt da vermutlich etwas das Händchen. Ich muss mich auch immer wieder selbst daran erinnern, nicht alles chronologisch zu schreiben. Recht herzlichen Dank also für deine deine Version/deine Vorschläge; ich werde sie mir mal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen und gegebenenfalls umsetzen.

lG
Mata

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  Betreff des Kommentars: Re: Der Skarabäus
Neuer KommentarVerfasst: So Dez 14, 2008 1:22 pm 
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Hallo Mata

schöne Geschichte.
Mit der Chronologie das verstehe ich, da hab ich auch so meine Probleme, ich bin sehr oft versucht, alles wirklich genau nacheinander zu beschreiben. Es ist hoffentlich eine Sache der Übung, das zu ändern.
Was ich nicht ganz verstanden habe, warum frißt die Ziege nicht, ist sie krank? Das hat mich am Anfang etwas stolpern lassen.

LG Mahony

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Was schert mich fremdes Männerelend.


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  Betreff des Kommentars: Re: Der Skarabäus
Neuer KommentarVerfasst: So Dez 14, 2008 7:14 pm 
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Hi Mahony

Die Ziege sollte eigentlich der Aufhänger sein, damit sich der Leser fragt, warum die nicht frisst. Kam wohl nicht so gut! :| :lol:

Und ja, mit der Übung kommt auch das Nicht-Chronologische-Schreiben mehr zum Tragen. Wobei das natürlich nicht der Stein der Weisen ist. Aber oft erhält - wie pepsi schon anmerkte - eine Geschichte dadurch mehr Dynamik. Sobald man sich diesen Aspekt verdeutlicht, achtet man automatisch darauf respektive eben mehr.

Danke fürs Vorbeischauen und lG
Mata

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  Betreff des Kommentars: Re: Der Skarabäus
Neuer KommentarVerfasst: So Dez 14, 2008 8:50 pm 
Hi, Mata!

Ein herrlich schöner Text, der keinesfalls im Kitsch endet. Das einzige, was mir fehlt, ist ein bisschen Dynamik - aber wo will man das hier unterbringen? Eigentlich lebt der Text ja von seiner Ruhe... hm, schwierige Bewertung. Ich bin für... glatte fünfe.

LG

Stephi

_________________
"Those who have seen your face, draw back in fear.
I am the mask you wear. - It's me, they hear.
My spirit and your voice in one combined.
The Phantom of the Opera is there - inside your mind."
- Phantom der Oper, Musical


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